11. Juni 2024 – Tag 5 – Kathedrale für Schiffe


Seit 90 Jahren in Betrieb: Schiffshebewerk Niederfinow
  • Von Melchow (Brandenburg) nach Cedynia (Polen)
  • 47,4 Kilometer, 10.200 Schritte
  • 535 Meter hoch und 562 Meter runter – einige der Höhenmeter fanden auf dem Gelände des Schiffshebewerk Niederfinow statt
  • Platzregen und Sonne im Wechsel – zum Glück war ich bei den heftigen Güssen zufällig immer irgendwo drinnen
  • Vogelgezwitscher
  • Der hinreißende Duft von nass gewordenem, in der Sonne trocknendem Heu
  • Die Schiffshebewerke!
  • Über die Oder nach Polen
  • Der „Polen-Markt“ direkt hinter der Grenze (Sie nennen das wirklich so)

Die Wettervorhersage und die Aussicht auf die vielbefahrene Straße ohne Radweg bis Eberswalde flüsterten mir zu, für das erste Stück den Zug zu nehmen. Es lebe das 49-Euro-Ticket!

In Eberswalde war das Wetter noch nicht besser, aber die Stufen beim Einstieg in die Regionalbahnen sind ätzend. Also rein in die Regenklamotten (wofür hab ich sie denn?) und los!

Ich wurde belohnt mit einem bezaubernden Weg entlang des Finowkanals – der ersten künstlichen Verbindung zwischen Havel und Oder (12 Schleusen auf rund 30 km / vor mehr als 400 Jahren gebaut). Heute voller Seerosen und Idylle pur. Viel Wald und ein wenig Heide. Kein Regen, nur kalt!

Ich radle ja nicht die übliche Route „Berlin-Usedom“, sondern absichtlich über Niederfinow, wegen des Schiffshebewerks.

Seit meiner Tour an und um Elbe bin ich angefixt von Schleusen und anderen Wasserschifffahrts-Kunstwerken. Und damals hat mir jemand von Niederfinow erzählt. Damals war nur das alte Hebewerk in Betrieb. Das neue wurde an 4. Oktober 2022 in Betrieb genommen, nach 14 Jahren Bauzeit. Das momentan größte Hebewerk Deutschlands ist bei Lüneburg und ich habe es bei der Tour 2022 besucht. Bei seiner Fertigstellung im Dezember 1975 war es sogar das größte der Welt.

Wieso bin ich eigentlich nicht Wasserschifffahrts-Ingenieurin geworden?

Ein paar Fakten zum alten Hebewerk.

  • Seit 90 Jahren in Betrieb (seit 1934) und damit dass älteste noch arbeitende Hebewerk Deutschlands
  • War rund 40 Jahre lang das größte Hebewerk der Welt
  • Hat doppelt so viele Nieten wie der Eiffelturm
  • Überwindet eine Höhe von 36 Metern in 5 Minuten
  • Löste 1934 die Schleusentreppe (4 Stufen à 9 Metern, Dauer rund 1,5 Stunden) im Oder-Havel-Kanal ab (ab 1914 Nachfolger des alten Finowkanals)
  • Benötigtes Personal pro Schicht: 5 Personen

Und ein paar Fakten zum neuen Hebewerk, welches das alte in 3,5 Jahren komplett ablösen wird:

  • Pro Schicht braucht es nur eine einzige Person zur Koordination der Schiffe und dem Heben und Senken. Manuelle Einstellungen sind nicht mehr nötig. Wird alles über Steuerungstechnik und Sensoren geregelt.
  • Überwindet die Höhe von 36 Metern in 3 Minuten
  • Der Trog mit Wasserfüllung wiegt 9.800 Tonnen
  • Erfüllt die zweithöchste europäische Wasserstraßenklasse V: Container in 2 Lagen, Schubverbände bis 114 m Länge, Gewicht bis zu 2.300 Tonnen
  • Hat das Ziel, mehr Transporte von den Straßen auf die Wasserwege zu verlagern

Übers Gelände des alten Hebewerkes kann man so schlendern und sich alles anschauen.

Um ins neue Hebewerk zu kommen, muss man sich einer Führung anschließen. Ich durfte mich einer Schulklasse aus Halle anschließen – die Dynamik einer Schulklasse auf Klassenfahrt ist heute noch genauso wie vor 40 Jahren!

Schade, ich hätte das neue Hebewerk gerne in Aktion gesehen. Beim alten hatte ich Glück: Die Ulla fährt nach oben und dann Richtung Berlin.

Für mich ging’s Richtung Oderberg. Dort hatte ich mir schon ein Restaurant zum Mittagessen ausgesucht. Es ist wie vor 2 Jahren: es gibt wenig Einkehr- und Einkaufsmöglichkeiten. Daher besser am Abend vorher schon mal schauen und planen…

Im Innenraum saß eine Gruppe Frauen beim Kartenspiel. Sympatisch! Und gut für sie, denn es war ganz schön frisch – vor allem als dann der nächste Regenguss kam und ich einen Platz weiter rein rücken musste.

Ja, und auch das Thema der nicht vorhandenen vegetarischen Auswahl ist noch da. Noch habe ich nicht genug von Schnitzeln, aber es könnte bald kommen.

Weiter ging’s Richtung Oder und Polen 🇵🇱

Nach der Grenze war der reinste Jahrmarkt. Ein Kiosk mit den „billigsten Zigaretten“ nach dem anderen. Auch Baumaterialien, Gartenmärkte, Tankstellen, Kuriositäten, – alles für die Deutschen, die kurz nach der Grenze mit dem starken Euro billig einkaufen wollen. Total pervers. Absolut grauenvoll.

An der Deutsch- Schweizerischen Grenze ist es ja auch nicht anders. Es gibt halt nicht extra dafür angelegte Areale, die in Google Maps auch noch als „Polen-Markt“ bezeichnet werden.

In Cedynia kam kurz nach meiner Ankunft noch mal ein Regenguss, danach wieder Sonne. Habe mir im Lebensmittelladen eine 5-Minuten-Terrine und Chips fürs Abendessen besorgt.

Morgen muss mein Polnisch besser werden. Heute konnte ich noch nicht mal „guten Tag“ sagen. Unangenehm. Nicht meine Art.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert